Trümmer in Beirut


Teil 1 - Alhamdulillah

Da stehe ich. Das erste Mal nach der Explosion in meiner Wohnung und denke mir: „Alter, Sina – wie hast Du das überlebt“! Vorsichtig bahne ich mir meinen Weg zwischen den Trümmern, die einmal mein Zuhause waren. Glasscherben am Boden, Dokumente wild zerstreut Chaos pur. 

 

Ich merke, wie ich zu zittern beginne. „Atmen, Sina atmen“ sage ich mir während ich versuche Kleidung einzupacken und Dinge zu finden, von denen ich denke, dass sie mir wichtig sind, während ich vergesse, was für Dinge es denn sind, die mir wichtig sind. Gekommen, um Kleidung zu holen, verlasse ich die Wohnung mit genau einer Jeans. Das ist alles, was ich mitnehmen konnte. Der Rest ist -zumindest bis jetzt- unerreichbar oder zerstört. 

 

In meinem Kopf kreisen Gedanken, wiederholen sich Bilder und immer wieder flüstert mir mein Unterbewusstsein zu, dass ich das Haus vielleicht besser verlassen solle – vielleicht ist es ja einsturzgefährdet. Also verlasse ich die Wohnung durch ein Treppenhaus, das von Scherben, Wasser und Blut bedeckt ist. Blut. Überall Blut. Spritzer am Boden, Flecken an der Wand. Und auch mein Shirt ist noch voll Blut, von der kleinen Wunde am Rücken und dem Blut anderer. Ich habe es noch immer nicht geschafft mich umzuziehen. 

 

Während ich durch die Straßen Beiruts laufe macht sich ein seltsames Gefühl in mir breit. Ist es Trauer? Ist es Nostalgie? Angst? Ist das überhaupt ein Gefühl? Ich weiß es nicht. Links und rechts von mir zu sehen sind: zerstörte Häuser und Menschen, die entweder Trümmer beiseite räumen oder auf Trümmern sitzen, um durchzuatmen. Freiwillige verteilen Wasser und Nahrung an die Helfer und Suchtrups bahnen sich ihren Weg durch die Trümmer, um nach Verschütteten zu suchen. Als ich mich kurz auf den Gehweg setze, um Facebook zu checken, fange ich an zu weinen. Eine fremde Frau fragt mich nach einer Person, die sie vermisst, nicht erreicht und scheint verzweifelt – ich muss ihr die traurige Nachricht übermitteln, dass ihre Freundin verstorben ist. 

 

Ich weiß nicht, ob ich euch schon einmal von meinem Nachbarn erzählt habe. Wir sehen uns jeden Morgen auf der Straße, die es jetzt nicht mehr so gibt. Er grüßt mich immer freundlich auf Arabisch und ich grüße ihn mit meinem gebrochenen Arabisch zurück. Meinen Nachbarn habe ich auch heute getroffen. Er steht zwischen Trümmern und Menschen und starrt mich an. Er hat er mich entdeckt. Und ich ihn. Einen kurzen Moment schauen wir uns einfach in die Augen. Ungläubig, dass wir den jeweils anderen sehen. Es ist für einen Augenblick so, als stünde die Zeit still. ER kommt auf mich zu. Hat Tränen in den Augen und nimmt mich in den Arm: „Alhamdulillah“ - Gelobt sei Gott und lässt mich nicht mehr los. Er zittert. Der Schock steht ihm noch ins Gesicht geschrieben. Ich umarme ihn fest, ganz fest, während mir Tränen in die Augen steigen. Wir versuchen uns zu unterhalten, während er zitternd vor mir steht und auf Arabisch versucht ein Gespräch mit mir zu führen. Wir verstehen und, wie jeden Morgen, sehr gebrochen – aber was wir verstanden haben sind unser Glück und unsere Dankbarkeit noch am Leben zu sein.