Trümmer in Beirut


Teil 3  - Gemmayzeh, mein Wohnzimmer.

 

Circa drei Wochen sind seit der Explosion am Hafen in Beirut vergangen. In der Zwischenzeit habe ich verlernt zu schreiben. Jeden Abend sitze ich an meinem Schreibtisch und versuche in Worte zu fassen, was ich sehe, erlebe, fühle und denke. Und jeden Abend scheitere ich. Mir fehlen die Worte. Mir fehlt mein Gefühl. Ich realisiere, wie meine Gedanken sich drehen und wenden und sich mein Kopf einen Weg sucht, das Geschehene zu verarbeiten – oder zu verdrängen. Als ich heute auf dem Weg zu meiner Wohnung die fensterlosen Gebäude Gemmayzehs passiere, frage ich mich immer wieder, wer wohl hinter diesen Wänden lebt. Ob da überhaupt noch jemand lebt und bekomme eine Gänsehaut bei diesem Gedanken. Es ist seltsam, aber ich hatte in den vergangenen Tagen Sehnsucht nach meiner Wohnung. Nach meinem Zuhause. Nach dem, was mir Geborgenheit versprach. Es ist eine Nostalgie, die sich ausbreitet in mir. Eine Nostalgie nach dem „davor“. Als ich ein paar meiner Dinge, die ich in der Wohnung habe, unkoordiniert von A nach B stelle, nur um sie bewegt zu haben, ist mir alles vertraut-fremd oder fremd-vertraut. Ich kann mich noch nicht entscheiden. In der Küche stelle ich mich auf den kleinen französischen Balkon und schaue auf die Straße, die eine Art Wohnzimmer für mich war. Wo ich „The German Girl“ war und wo wir uns alle gegenseitig grüßten und mir der Wächter vom Haus gegenüber zugewunken hat. Oftmals stand ich in meinen schlaflosen Nächten auf eben diesem Balkon und habe mit einem Bier in der Hand auf die Häuser gegenüber geschaut. Während einer meiner Nachbarn im Dachgeschoss bis tief in die Nacht am Computer saß, tanzte das Paar zwei Stockwerke weiter unten durch das Wohnzimmer und fiel sich küssend in den Arm. Das alte Haus nebenan färbte sich in ein sanftes Orange und hinter den rotleuchtenden Gardinen lachte mir ein älterer Mann zu, während er die Gardinen schloss und wenige Sekunden später das Licht erlosch. Als ich heute an meinem Fenster in der Küche stehe ist da niemand. Kein Mann am PC, kein tanzendes Paar, das sich küsst und kein älterer Mann, der seinen Vorhang verschiebt. Nur leere, fensterlose Gebäude, Polizisten, die die Straße bewachen und die dröhnende Frage in meinem Kopf, was wohl mit meinen Nachbarn geschehen ist.

Als ich auf mein Handy schaue, leuchtet eine Nachricht aus München auf meinem Handy auf. Ein guter Freund möchte mir Geld senden, damit ich den Menschen hier helfen kann. Und genau das werde ich ab morgen wieder machen: raus gehen auf die Straßen und dort mit anpacken, wo Hilfe benötigt wird und versuchen denen zu helfen, die so vieles verloren haben. DANKE an alle, die die Menschen im Libanon unterstützen möchten und mir ein solches Vertrauen entgegenbringen! Das Geld kommt zu 100 % dort an, wo es benötigt wird!