Trümmer in Beirut


Teil 3  - How to become Lebanese?

 

„Sina, nach Deiner ersten Explosion bist Du nun eine wirkliche Libanesin!“ sagt einer meiner Freunde, während er sich, umgeben von Trümmern und Plastikblumen, vor Lachen kaum noch auf seinem weißen Plastikstuhl halten kann. Libanesischer Humor ist schwarz – man hat schon viel erlebt in jungen Jahren. Als Kind ging er während dem Bürgerkrieg zu Schule. Zwischen weiteren Kriegen studierte er. Er fand Arbeit, die er vor Kurzem verloren hat und sitzt heute in seiner zerstörten Wohnung und lacht, als er feststellt, dass ich diese Woche meine erste Explosion erlebt habe. Den Libanesen könne man vieles nehmen, aber nicht den letzten Funken Optimismus, sagt seine Mutter, die schwere Verletzungen trägt und durch das Wohnzimmer humpelt.

 

Als ich die Wohnung der beiden verlasse, passiere ich das Meshmosh Hotel – hier habe ich oft gesessen, um zu arbeiten oder ein Bier zu trinken – eine kleine Oase inmitten der Stadt. „Sina! Ich bin so glücklich, dass Du am Leben ist“, sagt Michele, der Besitzer des Hotels, während er mich, wie in Trance, fest in den Arm nimmt. Er steht noch unter Schock, das kann man ihm ansehen. Er erzählt, dass sein Hotel nahezu zerstört sei, erkundigt sich nach mir und setzt sich wieder stumm auf seinen Stuhl in der Sonne, vor den Ruinen seines Einkommens. Was sagt man zu jemandem, der alles verloren zu haben scheint? Der traurig ist, frustriert, wütend, sich allein gelassen fühlt? Ich nehme in den Arm und so verharren wir eine Weile während jeder von uns stumm in sich hinein weint. Wir Verabschieden uns und ich gehe wieder zurück zur Arbeit. Ich besuche die Feldküche, die Orienthelfer e.V. zur Verfügung gestellt hat, damit warme Mahlzeiten gekocht werden können. Nur unweit des Hafens steht sie und Freiwillige kochen für die Helfenden, Verwundeten und für diejenigen, die alles verloren haben. Sie sind extra aus Qaraoun eingereist, einer Stadt in der Bekaa-Ebene, ungefähr 90 km von Beirut entfernt ist, um den Menschen in Beirut zur Seite zu stehen.

 

Solidarität! Solidarität wird großgeschrieben in Zeiten wie diesen und ich bin immer wieder gerührt von dem Zusammenhalt der Menschen. Gestern schrieb ich, dass ich mich zum ersten Mal allein gefühlt hätte – ein Gefühl, das nicht lange anhält, wenn man libanesische Freunde hat. Nahezu stündlich bekomme ich aufmunternder Nachrichten, Einladungen, Übernachtungsangebote oder Einladungen zum Essen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Doch neben der Solidarität wächst auch der Zorn der Bürger. Noch am Abend werden viele Tausende auf die Straße gehen, um zu demonstrieren. Die Proteste werden nicht friedlich verlaufen. Es werden Steine geworfen. Tränengas. Es gibt mehrere Verletzte und eine Person wird ihr Leben verlieren.