Trümmer in Beirut


Teil 2  - wie geht es weiter?

Wenn die Sonne untergeht in Beirut sind die Straßen in Gemmayzeh dunkel. Zu hören ist das Knirschen der Glasscherben, ummantelt von den Stimmen der Menschen, die sich noch langsam und träge durch die Straße bewegen. Die letzten Stunden waren anstrengend. Das sanfte blau der Polizeistreife flimmert am Horizont als ich mir den Weg zu meiner Wohnung bahne. Das Ladegerät für meine Kamera ist im Chaos meiner Gegenstände verschollen. Als mich Spürhunde passieren und Suchtrupps an mir vorbeiziehen, stoppen mich Passanten auf dem Weg. Zu gefährlich sei es jetzt noch allein durch die Straße zu laufen nicht wissend, welches Gebäude als nächstes einstürzen könnte. Als ich am nächsten Morgen aufwache mache ich mich auf den Weg zur Arbeit. Ich bin gerade mit den Maltesern unterwegs, die im Libanon tätig sind. In Beirut haben sie zwei Medical Mobile Units (MMU) aufgestellt, eine Art rollende Krankenhäuser, damit man die Menschen vor Ort medizinisch versorgen kann. Meine Gefühle fahren Achterbahn. Immer wieder steigen mir Tränen in die Augen, die ich durch Arbeit auf einen anderen Tag zu verschieben versuche. Ich sehe Menschen mit Verletzungen. Verzweifelte Menschen, wütende Menschen und Kinder, die um Medikamente für ihre kranke Mutter betteln.

 

Danach mache ich mich auf den Weg zu einem Krankenhaus, ganz nah am Hafen. Ganz nah am Zentrum der Explosion. Die Schwestern berichten mir, wie sie Babys aus der Station gerettet haben: „Wir haben sie einfach umarmt, ganz fest und sind gerannt.“ Keines der Kinder im Krankenhaus starb, dafür aber das 3-Jährige Nachbarskind einer Freundin von mir. Ein Opfer unter zahlreichen nach der Explosion in Beirut. Ich bahne mir meinen Weg weiter in das Zentrum der Stadt. Sie ist begraben unter Schutt und belebt von Menschen, die eines tun: Helfen. Seit Tagen schon laufen Freiwillige durch die Straßen, um die Menschen zu unterstützen, deren Wohnungen zerstört wurden. Deshalb sind sie auch in meiner Wohnung. Ich bin unendlich dankbar für ihre Hilfe. Während sie noch die letzten Trümmer in den Hof schmeißen, packe ich langsam das, was von meinen Sachen übriggeblieben ist in einen kleinen Koffer ein. Unkontrolliert und mit zitternden Knien. Ich habe Angst. Große Angst. Und ich fühle mich zum ersten Mal allein. Nun stehe ich also da, auf einer Straße, die voll ist mit Helfern, mit Schutt und zahlreichen Menschen. Mit meinem Koffer, den ich über Glasscherben hinter mir herziehe, mache ich mich auf den Weg zu der Wohnung einer Freundin und frage mich: „Wie soll das nur weitergehen?“